Bertolt Brecht – „An die Nachgeborenen“

Österreichs Innenminister KICKL möchte und meint, daß der Rahmen in dem sich die Judikative eines Staates bewegt, sich anpassen müsse. „Das Recht solle der Politik folgen.“ Düster, wahrlich, denn er möchte rütteln an Gesetzen und Normen um seine Agenda durchzubringen. Die Menschenrechtskonvention existiert aus gutem Grund und aus einem Hintergrund. Ein Verweis auf den Kommentar des FALTER Chefredakteurs Florian Klenk

Aus diesem aktuellen Anlass: Bertolt Brechtan die Nachgeborenen (1939)

1)

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
hat die furchtbare Nachricht
nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

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